Blog

Kursfahrt des Leistungskurses Geschichte nach Krakau

Geschrieben am 2. Oktober 2020

Auf den Spuren der Geschichte – Polen, Juden und Deutsche in Krakau im 20. Jahrhundert –

Ein Reiseblog des Leistungskurses Geschichte vom 31. August bis 04. September 2020

Montag, 31.08.2020 Hinfahrt

Der GE1 Kurs fährt nach Krakau und begibt sich auf die Spuren deutscher und polnischer Geschichte. Lange war es unsicher, inwiefern eine Reise während der Corona – Pandemie überhaupt möglich sein würde. Bis zum Beginn hatten wir die Sorge, dass die Fahrt doch noch kurzfristig abgesagt werden muss. Aber nein, unser Zug fuhr pünktlich um 9:55 Uhr vom Ostbahnhof los. Und wir mit ihm!

Nach sechs Stunden kamen wir in Warschau an, der Hauptstadt Polens. Weiter ging es nach einem kurzen Aufenthalt in Richtung Krakau. Unsere Erwartungen stiegen, umso näher wir der geschichtsbewegten Stadt kamen. Wir erhofften uns verschiedene Perspektiven der Erinnerungskultur und Unterschiede zwischen polnischem und deutschem Umgang mit der Vergangenheit betrachten zu können. Außerdem wünschten wir uns, dass unser Kurs enger zusammenwächst und wir viel Spaß in der Woche haben. Der Fokus unserer Kursfahrt lag dabei auf der NS-Zeit, da dies ein Schwerpunktthema unseres Abiturs ist.

Auf unserem Programm standen die Erkundung des sozialistischen Arbeiterviertels Nowa Huta, eine Stadtführung auf den Spuren Oskar Schindlers und der Besuch der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau bei der polnischen Stadt Oświęcim.

Dienstag, 01.09.2020 Sozialistische Stadt – Nowa Huta

Unser erster Kaffee beim Frühstück in Krakau schmeckt genauso so wie die Niederlage des sozialistischen Regime Polens. Bitter!

Auf die Minute genau sind wir alle fünf Minuten zu spät im Foyer, wo wir zum ersten Mal unsere liebliche Führerin Jadwiga Otrebska kennenlernen dürfen. Die Kälte und strömender Regen erschöpften unsere ohnehin schon knapp vorhandenen Kraftressourcen. Der Kommunismus schlich auf leisen Sohlen mit jeder Tramstation näher an uns heran. Wären wir dazu noch vom Hunger geplagt, so wäre unser Ausflug an Authentizität unübertroffen. Nach einer ermüdenden 30-minütigen Tramfahrt erreichen wir unseren ersten Hotspot des ehemaligen polnischen Kommunismus – den Plac Centralni.

Etwas was uns direkt ins Auge fällt – die verblüffende Ähnlichkeit mit dem Piazza del Popolo in Rom. Mit dem derzeitigen Ronald-Reagan-Platz direkt in Sicht erfahren wir von dem jüngsten Stadtteil Krakaus, der eigentlich als separate Stadt geplant war. Vor ein paar Jahrzehnten stand nicht weit entfernt noch ein Lenin-Denkmal – Ronald Reagan’s Name als Hohn- und auch Mahnmal an den Kommunismus. Die Grundlage dieses mit Bedacht konstruierten Stadtteils ist das immer noch existierende Stahlwerk. Als einzige große Industriestätte in Krakau bot es Tausenden Polen eine Arbeit. Doch nicht nur das, es war eine Heimstätte – perfekt so konzipiert, dass Nowa Huta nie verlassen werden musste. Die daraus folgende enge Gemeinschaft unterstützte unterschwellig das Ziel der Kommunisten einer kontrollierenden Gesellschaft.

Ein weiterer verblüffender Aspekt war die verdeckte und doch stets präsente Angst vor einem erneuten Kriegsausbruch, die sich in der Architektur subtil widerspiegelte. Tore, die zu schmal für Panzer sind und überall versteckte Bunker.

Beim Voranschreiten der Führung, immer noch durch den strömenden Regen und von böigen Winden gefoltert, eröffnet uns sich immer mehr die uns bis dahin unbekannte Welt des alltäglichen Lebens im Sozialismus. Vom christlichen, teils gewalttätigen, Widerstand bis hin zum anti-kommunistischen Kabarett ist alles vertreten. Ein prägendes Bild bleibt im Kopf – eine riesige Kirche, die an die Arche Noah erinnert. Unsere Führerin erzählt von brutalen Zusammenstößen von Polizei und christlichen Bürgern zur Verteidigung des Kirchenbaus. Der Kommunismus billigt ungern andere Ideologien und somit auch keine Religionen. Dies liefert eine Erklärung für den Fakt, dass die Kirche „Arche des Herrn“ von den Bürgern selbst auf Spendenbasis und ohne Bauequipment errichtet, knapp neun Jahre brauchte um vollendet zu werden.

Über den Tag hinweg bekommen wir immer wieder beteuert, dass die polnische Bevölkerung damals den größtmöglichen Widerstand gegen den Kommunismus lieferte und auch heute noch sieht man viele Hohn- und Mahnmale, wie den Ronald-Reagan-Platz. Über die ganze Stadt verteilt sehen wir durchgestrichene Davidssterne und verschiedene Varianten von „Juden raus!“. Bemerkenswert: alle dieser Slogans sind auf Deutsch geschrieben. Dies wird bei Nachfrage allerdings als bloßer Fußballfanatismus und ungenügende Bildung abgetan. Die ständige Schmähung des Kommunismus im Alltag erscheint lächerlich unter Einbeziehung des damaligen und heutigen steten Antisemitismus.

Unser erster Tag in Krakau liefert uns sehr viele Eindrücke und Stoff zum Nachdenken, hinterlässt uns jedoch auch mit dem Verdacht, einer zu subjektiven Geschichtsdarstellung mit schmeichelhafter Selbstdarstellung auf polnischer Seite. Als Frage bleibt für uns: Zwar sieht sich der Großteil Polens als heldenhafter Widerstandskämpfer gegen den Kommunismus, doch geht es der Mehrheit Polens wirklich besser oder befindet sich die Armut in einem kapitalistischen Tarnmantel?

Mittwoch, 02.09.2020 „Auf den Spuren Oskar Schindlers“

Am Mittwoch hatten wir ein volles Programm. Das vorgesehene Thema des heutigen Ausflugs war Oskar Schindler und seine Taten im Zweiten Weltkrieg. Der Startpunkt unseres Erlebnisses nahm seinen Lauf in den Weiten der Krakauer Gassen, um genauer zu sein – im jüdischen Viertel Kazimierz.

Unser erstes Betrachtungsobjekt war die größte Synagoge im Viertel. Diese Synagoge ist zwar nicht mehr aktiv, trotzdem bringt überliefert sie uns die spannende Geschichte der jüdischen Gemeinschaft Krakaus, denn sie wird als Museum genutzt. Danach führte uns der Tourguide durch weitere Gassen zum nächsten Ziel, dem Haus einer jüdischen Familie. Der Guide erzählte uns viel über die damaligen Lebensverhältnisse der Juden und brachte uns einige der jüdischen Traditionen näher.

Unsere Tour setzte sich fort bis wir ein einzigartiges Denkmal erreichten. Es erinnert an die Opfer m Krakauer Ghetto. Der Platz war bestückt mit genau sechzig Stühlen, wobei jeder Stuhl für 1000 Opfer steht. Gegenüber des Platzes befindet sich eine Apotheke. Diese ist nicht nur eine einfache Apotheke, wie jeder sie zu kennen scheint. Diese Apotheke repräsentiert ein Stück der Geschichte zur Zeit des Krakauer Ghettos, das durch die Nationalsozialisten eingerichtet wurde und in den Jahren 1941-1943 bestand. Tadeusz Pankiewicz war der Besitzer der Apotheke und ihm war es als einzigem Nicht-Juden gestattet, sich Tag und Nacht im Ghetto aufzuhalten. Er musste sich an die Anweisungen der nationalsozialistischen Besatzer halten, hatte aber dennoch Handlungsspielräume, die er zugunsten der jüdischen Bevölkerung zu nutzen wusste. Offiziell sollte er sich um die medizinische Versorgung der Ghettobewohner kümmern. Doch er tat noch viel mehr – Tadeusz Pankiewicz bot Widerstandskämpfern einen Rückzugsort und barg verschiedenste Wertgegenstände der Juden. Für seine Taten wurde er von der israelischen Regierung ausgezeichnet.

Unser Highlight des Tages sollte das Museum über Oskar Schindler sein, das sich im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Emaillefabrik Oskar Schindlers befindet. Auf dem Weg dorthin kamen wir auch an der Mauer des ehemaligen Ghettos vorbei.

In der Nähe des Museums informierte uns der Guide über den Inhalt der Ausstellung. Wir realisierten, dass dieser nicht unseren Vorstellungen entsprach, etwas über das Leben und Wirken Oskar Schindlers zu erfahren. Denn das Museum beschäftigte sich mit der Geschichte Krakaus unter deutscher Besatzung in den Jahren 1939 bis 1945.

Das Problem an der Ausstellung war jedoch nicht das Thema an sich, sondern die Art der Präsentation. Diese war nicht objektiv und ausgewogen, sondern sehr emotional und zuspitzend. Ein Beispiel dafür war ein Raum in dem Museum, in dem der Beginn der deutschen Besatzung thematisiert wurde. Hier war eine Vielzahl nationalsozialistischer Symbole, Hakenkreuzfahnen sowie Plakate ausgestellt, die kaum kommentiert wurden. Der Boden war mit swastikabedruckten Kacheln bedeckt. Der Eindruck war überwältigend und nicht jedem erschloss sich die Intention der Ausstellungsgestalter, dass mit dem Betreten der Kacheln auch das nationalsozialistische Regime getreten werden sollte. Andere Deutungen, wie Größe und Macht des Regimes und eine gewisse Faszination waren durch diese Form der Gestaltung ebenfalls möglich. Auch das Ende der Ausstellung in dem die nationalsozialistische Besatzung und das kommunistische Regime gleichgesetzt wurden, war nicht nur historisch mehr als fragwürdig, sondern aus unserer Perspektive auch unangebracht. Insgesamt hat uns die umfangreiche Ausstellung über den Zweiten Weltkrieg und die Verbrechen, die sich durch eine starke auditive und visuelle Umsetzung auszeichnete, nicht nur auf einer emotionalen Ebene besonders herausgefordert, sondern uns auch für die grundsätzlichen Unterschiede der polnischen und deutschen Erinnerungskultur sensibilisiert. Wir verließen die Ausstellung innerlich aufgewühlt und nicht sonderlich zufriedengestellt.

Im Anschluss daran gingen wir zu unserem Ausgangspunkt nach Kazimierz zurück und besuchten die einzige noch aktive Synagoge im Viertel und beendeten damit unseren abwechslungsreichen Tag.

Donnerstag, 03.09.2020 – 4.Tag Auschwitz-Birkenau

Am Tag vor unserer Abreise widmeten wir uns schließlich einem der wohl wichtigsten Symbole des Holocausts. Die Führung durch das Stammlager Auschwitz I, also das Hauptlager, welches für die Unterlager in der Region zuständig war, beginnt am Eingangstor, an dem für alle der Schriftzug „Arbeit macht frei“ zu sehen ist. Diese zynische Inschrift zieht sich über den Eingang aller von den Nazis errichteten KZs, ausgenommen dem KZ Buchenwald. Der Weg führte durch die sogenannten Blöcke, zweistöckige Backsteingebäude in denen 700-800 Häftlinge untergebracht wurden, insgesamt 28 Stück.

Heutzutage werden dort verschiedene Facetten des Alltags im Lager ausgestellt, von denen wir einige besucht haben. Unter anderem können Fotos von den dort ablaufenden Prozessen, aber auch wiederhergestellte Einrichtungen der Räume begutachtet werden.

Besonders überwältigend waren die Blöcke Nr. 4 und 5. Hier werden Hinterlassenschaften der Häftlinge ausgestellt, die nach der Befreiung des Lagers auf dem Gelände gefunden wurden. Neben 4000 Koffern, 12.000 Töpfen, 110.000 Paar Schuhen und Mengen an Kinderkleidung, sind auch zwei Tonnen Menschenhaar zu sehen. Diese sind jedoch nur Bruchteile der Habseligkeiten der Häftlinge, da viele von den Nazis zerstört wurden oder nach dem Krieg verschwunden sind. Unter all diesen Überbleibseln ist uns ein Bild besonders in Erinnerung geblieben. Der Stapel von Tausenden Koffern, die alle mit Namen, Adressen und Geburtsdaten beschriftet wurden, zeigte die Hoffnung der Juden. Ihnen wurde ein neues Zuhause versprochen, mit neuen Möglichkeiten für eine bereits marginalisierte Gruppe. Das Gefühl in diesem Moment ist unbeschreiblich. Man konnte jeden einzelnen Namen lesen und sich bewusst machen, dass dies nicht nur Opfer eines grausamen Regimes und seiner Ideologien waren, sondern Menschen, wie wir alle, denen zuerst ein Gefühl der Hoffnung und Sicherheit verliehen und anschließend brutal wieder weggerissen wurde.

Wir erhielten einen detaillierten Einblick in den Alltag im Lager. Durch die Führung wird einem noch einmal die Behandlung der Häftlinge als wertlose Wesen verdeutlicht. Vor 1943 wurden noch alle Gefangene, um eine Identifizierung zu ermöglichen, fotografiert. Doch später machte man sich nicht einmal mehr diese Mühe, da nach einer Weile die Häftlinge nicht mehr den Menschen ähnelten, die sie vor der Inhaftierung waren. So wurden die Häftlinge für die Nazis zu Nummern, welche ihnen für immer auf den Arm tätowiert wurde.

Man hört zwar immer wieder von der Zahl der Opfer und der Größe der Vernichtungslager, jedoch fällt es einem schwer sich über dieses Ausmaß im Klaren zu sein. Eine greifbare Darstellung dieser Zahlen fand sich in Block 27, der jüdischen Ausstellung. Hier wird ein Buch ausgestellt, dass die Namen von 4,5 Millionen registrierten Juden, die im Zweiten Weltkrieg ermordet wurden, enthält. Mit weit über fünfzig Namen pro Seite, veranschaulichte das Durchblättern dieses Buches den Umfang des Vernichtungskriegs der Nazis.

Auch die vielen Baracken in Birkenau machten uns das Ausmaß dieses Verbrechens erneut bewusst. Besonders erschreckend war für uns die Tatsache, dass wir aufgrund seiner Größe nicht das ganze Lager besichtigen konnten und dass Birkenau nochmals aus mehreren Lagern bestand. Dabei nimmt Birkenau gerade einmal die Hälfte der geplanten Größe der Anlage ein. Hier wird einem vor Augen geführt, wie Zehntausende von Menschen zusammengepfercht, ausgenutzt und schlussendlich umgebracht wurden. Für sie waren heutzutage selbstverständ-liche Dinge, wie z.B. einzeln und so lange wie nötig auf Toilette zu gehen, ein unerreichbarer Luxus. Den Gefangenen wurde aber nicht nur das Recht auf lebensnotwendige Dinge, sondern auch die Hoffnung auf ein besseres Leben verweigert.

Der Name “Auschwitz” ist weltweit ein Symbol des Holocaust. Nicht nur weil es das größte deutsche Vernichtungslager war, sondern auch, da hier ein Großteil der Beweise für die Verbrechen des NS Regimes erhalten geblieben sind. Auschwitz war eines der wenigen Lager, welches noch bis zum Ende des NS-Regimes als KZ fungierte und durch die Befreiung des Lagers konnten viele Überlebende und deren Geschichten gerettet werden. Da viele von ihnen zu Beginn eigene Führungen leiteten und noch viele Überreste des Lagers, wie Bauten, Fotos und Dokumente, erhalten wurden, konnte die Ausstellung sehr detailliert und wahrheitsgetreu gestaltet werden.

Wir sollten uns bewusst machen, dass Auschwitz-Birkenau keine Attraktion ist, sondern eine Gedenkstätte, für die schrecklichen Zeiten in unserer Geschichte, die uns weiterbilden und mahnen soll. Es wird nicht nur an die grausamen Verbrechen erinnert, sondern vielmehr an die zahlreichen Menschen die in Auschwitz gelitten haben und ermordet wurden.

Deshalb finden wir, dass kein Film oder Buch einem die Dimension der Brutalität des Holocausts derart vermitteln kann, wie ein Besuch in einem Vernichtungslager.

Freitag, 04.09.2020 Rückfahrt

Zusammengeschweißt und eng verbunden traten wir den Heimweg an. Abwechselnd spielten wir Karten, aßen und schliefen. Leider verlief die Rückfahrt nicht so einwandfrei wie die Hinfahrt. In Gedanken bei den tollen Tagen unserer Kursfahrt vergaßen wir beinahe am Warschauer Bahnhof auszusteigen. Erst in letzter Sekunde stürmten wir aus dem Zug hinaus. Puh – das war noch einmal gut gegangen! Auch die zweite Etappe hatte ihre Tiefpunkte. Der trommelnde Regen klopfte gegen die Fenster unseres Zuges. Das Wetter spiegelte unsere Stimmung perfekt wider – Trauer.

Dennoch wurden all unsere Erwartungen, die wir an die Reise gestellt haben, erfüllt. Wir haben einen differenzierteren Blick auf die NS-Herrschaft und den Holocaust bekommen, sowie einen Einblick in die polnische Bewältigung der Vergangenheit. Außerdem haben wir uns alle näher kennengelernt und konnten als wir in Berlin ankamen mit einem Lächeln nach Hause fahren.

0