Blog

Zwischen Klassik und Moderne – 2. Poetry-Slam für Schüler

Geschrieben am 26. Januar 2012

Großes Finale des Poetry-Slam-Projekts an Berliner Schulen

Da saßen wir, im Haus der Berliner Festspiele, in diesem riesengroßen Saal, der an diesem Abend nur einen Bruchteil der Zuschauer angelockt hatte, die er normalerweise fassen konnte. Und wenn es überhaupt jemanden gab, der schon etwas von Poetry Slam gehört hatte, dann war das bemerkenswert. Poetry Slam ist nämlich eine verborgene Kunst der Moderne. Aber ich hatte schon zuvor die Fertigkeiten von Profi-Slammern bewundert, so dass ich enttäuscht war, als einige der Schüler sich als absolute Anfänger entpuppten. Wenn man schon einmal von der Perfektion der Profis gekostet hat, können einen die Beiträge vieler Laien nicht mehr erfreuen.

Die Veranstaltung lief folgendermaßen ab: Die Gäste trudelten so langsam ein. Ein überaus motivierter, gar quirliger Moderator namens Ken Yamamoto begrüßte die anfangs eher unmotivierte Zuschauermenge. Anschließend wurden im Publikum die Punktetafeln verteilt. Jeweils fünf der insgesamt zehn Slammer traten gegeneinander an. In jeder Runde kürte das Publikum den Sieger.

Josefine Berkholz, die nationale Vizemeisterin des U-20-Slam 2010, sollte dem Publikum einen Vorgeschmack geben. Und was für einen Vorgeschmack sie uns gab. Es folgte eine leidenschaftliche Rezitation eines sehr persönlichen Gedichts, dessen Namen ich leider schon vergessen habe. An eine Sache erinnere ich mich allerdings noch: In dem Gedicht ging es um Konturen, auf die sich jeder Mensch verlässt, und es berührte mich so sehr, dass ich gedankenverloren dasaß und tatsächlich über die Konturen in MEINEM Leben nachdachte. Ich fühlte mich in diesem Moment irgendwie leer. Was Poetry Slam doch so alles bewirken kann. Für alles, was danach kam, reichten die Speicherkapazitäten meines Gehirns nicht aus. Einzig und allein blieb ein mysteriöser Philip oder Philipp oder Phillip Soundso in meinem Gedächtnis haften, der in seinem Gedicht einen Tag aus seinem Leben beschrieb, der hauptsächlich aus Schule und dem nachmittäglichen Ausleben seiner Facebook-Sucht bestand. Der Typ hat am Ende auch gewonnen. Wahrscheinlich, weil die meisten Zuschauer sich mit diesem Gedicht identifizieren konnten. Bedauerlich.

Vor der zweiten Runde begeisterte Lyriker und Beatboxer Temye Tesfu das Publikum, der vor dem Betreten der Bühne erst einmal seinen Schuh verlor. Wie auch immer, was schlecht anfing, konnte ja nur besser werden. Er kam dann mit beiden Schuhen auf die Bühne, erzählte uns über ein Gedicht, das sich selbst Sandwiches schmieren konnte, und spottete über Deutschlehrer, die von ihren Schülern verlangten, in Gedichten nach Metaphern zu suchen, in denen es gar keine gab. Die Stimmung des Publikums erreichte ihren Höhepunkt. Ein Lacher jagte den nächsten. Der Hintergrund des Gedichts dagegen war viel tiefgründiger. Es ging um Kriege und Kindersoldaten. Traurig.

Aus der zweiten Runde ging ein Junge, der erst seit zwei Jahren in Deutschland lebt, als Sieger hervor. Er hatte ein Problem mit der deutschen Grammatik und folglich auch mit seiner Deutschlehrerin. Doch seine Performance überzeugte. Die Männer räumten im Endeffekt die Preise ab. Leider. Der Auftritt des Mädchens mit dem Gedicht Hakuna Matata hätte den ersten Platz genauso verdient. Sie entführte uns in ihre Fantasiewelt, in der es fliegende Teppiche gab und Tiere, die sprechen konnten. Doch sie ging leer aus. Was die Zuschauer mitgehen ließen, war die Entdeckung einer neuen Sprachkunst, die uns hoffentlich noch lange erhalten bleibt.

Khava Abdusalamova

0